Trauma und Gesellschaft

Kriminalität, Kriege, Terrorismus und Diktaturen als Folge destruktiver Kindheitserfshrungen

Die gute Nachricht: In Westeuropa nimmt in den meisten Staaten die Gewalt gegen Kinder ab. Viele Kinder erleben eine Kindheit zumindest ohne körperliche Gewalt.
Die weniger gute Nachricht: viele Menschen in vielen Ländern ist nicht bewusst, was destruktive Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, im Folgenden mit “ACE” abgekürzt) sind und vor allem: welche Folgen diese haben. 1998 erschien eine bahnbrechende Studie hierüber. Folgende Kategorien wurden erhoben:

  • Körperliche Misshandlung
  • Sexueller Missbrauch
  • Emotionale Misshandlung
  • Körperliche Vernachlässigung
  • Emotionale Vernachlässigung
  • Kontakt mit häuslicher Gewalt
  • Suchtmittelmissbrauch im Haushalt
  • Psychische Erkrankungen im Haushalt
  • Trennung oder Scheidung der Eltern
  • Inhaftiertes Haushaltsmitglied

“Die Studie zeigte, dass belastende Kindheitserfahrungen weit verbreitet sind. 52 % aller Studienteilnehmer berichteten von mindestens einer belastenden Kindheitserfahrung und 1 von 4 Befragten berichtete von 2 oder mehr der Kategorien von ACE’s. 12,5 % der Befragten berichteten von 4 oder mehr ACEs. 28 % der Befragten berichteten von körperlicher Misshandlung und 21 % von sexuellem Missbrauch in ihrer Kindheit.”

Quelle: Wikipedia über “The Adverse Childhood Experiences”

Straffällig gewordene / Inhaftierte haben viel mehr ACE’s erlebt als die Durchschnittsbevölkerung! Hier ein kleiner Ausschnitt:

Schwere/extreme Körperliche Misshandlungen erlebten 24% der inhaftierten Männer und 25% der inhaftierten Frauen (dagegen <3% der deutschen Allgemeinbevölkerung)

Schwere/extreme emotionale Vernachlässigung erlebten 38% der inhaftierten Männer und 27% der inhaftierten Frauen (dagegen <7% der deutschen Allgemeinbevölkerung)

Quelle: Sven Fuchs, 2019a, 150

Dass destruktive Kindheitserfahrungen (ACE’s) abnehmen, ist letztlich nur möglich durche eine traumasensible Begleitung der Kinder

Traumata beeinflussen, wie Menschen in der Gesellschaft interagieren können

“Traumata machen das System soziales Engagement funktionsunfähig und beeinträchtigen die Kooperation, das Geben und Nehmen nährender Zuwendung und die Fähigkeit, als Mitglied einer Gemeinschaft seinen Beitrag zum Wohle aller zu leisten.”

Quelle: Bessel van der Kolk, Verkörperter Schrecken, Seite 414

Umgekehrt können nicht nur Krieg, Gewalt, Vernachlässigung u.a., sondern auch gesellschaftliche Verhältnisse traumatisieren bzw. ein bestehendes Trauma vertiefen.

Unsere Wirtschaftsordnung

Sie ist immer noch am Konkurrenzmodell ausgerichtet, obwohl keineswegs wissenschaftlich bewiesen ist, dass dies effizienter ist und dem Gemeinwohl dient. Es gibt Sieger und Verlierer (Personen wie Firmen), feindliche Übernahmen, “Fressen” und “Gefressen werden.” Dass die “Verlierer” dabei Traumata erleiden, liegt auf der Hand.

Inzwischen haben die Evolutionsforschung und die Psychologie entdeckt, dass der Erfolg der Spezies “Mensch” mehr auf Kooperation als auf Konkurrenz beruht.

Auf dieser Erkenntnis aufbauend, ist es notwendig, die gegenwärtige Wirtschafts- und Geldordnung, die nicht demokratisch legitimiert, sondern “gewachsen” sind, zu reformieren.

Dazu ein Zitat:

”…in den vergangenen drei Jahrzehnten haben Märkte und die Werte des Marktes eine Herrschaft über unser Leben übernommen, die sie nie zuvor hatten. Wir brauchen heute öffentliche Debatten darüber, wie wir die Märkte wieder in ihre Grenzen weisen können.”

Quelle: Michael Sandel, in: DIE ZEIT. Wie soll ich leben? Philosophen geben Antwort (2014), 114

Die Wirtschaftsordnung verursacht viele Probleme. Leute, die viel Geld verdienen mit Öl, Kohle und Atomenergie wollen nicht, dass sich daran etwas ändert. Auch wenn es gefährlich ist und das Klima gefährdet. Die Finanzkrise zeigt, wie wackelig unser Bankensystem ist. Sie sollte sich nicht wiederholen. Trotzdem haben die Politiker viel zu wenig getan. Ein Teil des Problems ist auch, dass die ökologischen und menschlichen Folgeschäden des Wirtschaftens (KLimakrise, Verschmutzung von Erde / Wasser / Luft, Artensterben, Menschenrechtsverletzungen, krankmachende Arbeitsbedingungen usw.) gegenwärtig nicht in die Preise einfließen und somit Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit / Gemeingüter gemacht werden können.

Wir neigen dazu, diese Probleme zu verdrängen (und natürlich auch andere). Das hat auch etwas mit Trauma zu tun. Je mehr Traumata wir haben, desto mehr verdrängen wir sie.

Wenn wir jedoch an ihnen arbeiten, erkennen wir in uns die Anteile, die Hilfe brauchen. Und wir erkennen leichter, wo und wie die Wirtschafts- und Geldordnung Unheil anrichten.

In einer “Gemeinwohlökonomie” könnten nun die Werte gefördert werden, die unseren Grundwerten entspricht: Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen.

Appelle an Ohnmachtsgefühle beeinflussen Wähler/innen

Manche politische Parteien werben damit, dass sie potenzielle Wähler/innen aus deren (tatsächlichen oder suggerierten) Ohnmachtssituation herausführen können. Da wir alle mehr oder weniger traumatisiert sind, weckt diese Werbung starke Gefühle. Denn es werden damit starke Manageranteile angesprochen, die weitere Ohnmacht verhindern möchten. Gleichzeitig können verbannte Wut-anteile geweckt und politisch “nutzbar” gemacht werden.
Auf rationaler Ebene dringen dann Argumente Anders Denkender nicht mehr durch.

Literatur und Podcasts

Lloyd DeMause, Das emotionale Leben der Nationen - Er legt (in der sog. psychohistorischen Therorie) u.a. dar, wie frühere Traumata in Kriegen und Gewalt (wieder) inszeniert werden. Enthält auch eine bewegende und erschreckendes Kapitel über die Geschichte (Evolution) der Kindererziehung, S. 211-269.

Christian Felber, Die Gemeinwohl-Ökonomie (Buch); E-book

Christian Felber, Geld. Die neuen Spielregeln. Eine alternative Geldordnung für eine faire Wirtschaft (Buch und E-book)

Christian Felber, Ethischer Welthandel - Alternativen zu TTIP, WTO & Co (Buch)

Sven Fuchs, Die Kindheit ist politisch! Kriege,Terror, Extremismus, Diktaturen und Gewalt als Folge destruktiver Kindheitserfahrungen, 2019a. - Sehr lesenswert, mit Studien und Statistiken untermauert, mit Beispielen über die Kindheit einiger bekannter Terroristen und Diktatoren

Sven Fuchs, Als Kind geliebte Menschen fangen keine Kriege an: Plädoyer für einen offenen Blick auf die Kindheitsursprünge von Kriegen, 2012

Naomi Klein, Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima

Naomi Klein: Weniger ist mehr. Warum wir unser Wirtschaftssystem radikal ändern müssen - (SWR 2 Aula Interview vom 24. Mai 2015, mp3 Podcast )

Franz Ruppert, Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft? Wie Täter-Opfer-Dynamiken unser Leben bestimmen und wie wir uns daraus befreien. Klett-Cotta, 2018 - beleuchtet sehr gut die Wechselwirkungen zwischen der Gesellschaft und den traumatisierten Einzelnen

Blog von Sven Fuchs über Kriegsursachen, destruktive Politik und Kindheit

Webseite der Gemeinwohlökonomie - Zentrale in Wien