Bindungstrauma

Tiefe Spuren durch Wiederholung: “Mikro”-traumata / kumulative Traumata

Im Gegensatz zu Einzel-Ereignissen, die zu einer psychischen Überlastung führen, gibt es auch Ereignisse wie z.B. Beschimpfungen, Ablehnung, negative Prophezeihungen, die nicht im Einzelnen traumatisch erlebt werden, die aber in der Summe und durch Wiederholung ein Trauma hervorrufen. Ich habe die Anführungszeichen gesetzt, weil auch die “Mikro”-traumata stark bindungstraumatisierend wirken.

Bindungstypen

Die frühe Mutter-Kind-Beziehung kann zu einer sicheren, einer unsicher-vermeidenden, unsicher-ambivalenten oder desorientiert / dissoziativen Bindung beim Kind führen. Besonders im letzten Fall kann man von einem Bindungstrauma sprechen. Die Ursache kann beispielsweise Vernachlässigung und emotionale / körperliche / sexuelle Gewalt sein.

Bindungsstile

Die im Baby- und Kleinkindalter erworbenen Bindungstypen setzen sich im Erwachsenenalter häufig als Bindungsstil fort. Sowohl Männer als auch Frauen können ambivalente, vermeidende oder desorganisierte Bindungsstile aufgrund ihrer Bindungstraumata entwickeln. Dann gelingt es ihnen oft nicht, stabile, befriedigende und gleichwertige Beziehungen zu entwickeln. Hier kann Traumatherapie helfen.

Sichere Bindung

Die Bindungsforschung hat “Feinfühligkeit” als den entscheidenden Faktor identifiziert, damit das Kind eine sichere Bindung entwickeln kann. Dazu gehörenn folgende vier Elemente:

- dass die Bezugsperson die kindlichen Signale aufmerksam wahrnimmt

- sie richtig interpretiert

- angemessen und

- prompt reagiert

Es ist erwiesen, dass häufig wechselnde Bezugspersonen, wie etwa in Kinderheimen, keine gute und sichere Bindung ermöglichen.

Bindungstrauma

Ein US-Psychiater, Brian Weiss, schreibt - ohne dieses Wort zu verwenden - dazu (2005, S. 41):

“Was ich noch nicht ganz begriffen hatte, war, dass die ständige, tagtägliche Einwirkung vor negativen Einflüssen, wie zum Beispiel die beißende Kritik eines Elternteils, viel mehr psychischen Schaden anrichten kann, als durch einen einzigen traumatischen Anlass verursacht wird. Weil sie sich im alltäglichen Hintergrund unseres Lebens verlieren, ist es sogar noch viel schwieriger, sich an diese schädlichen Einflüssen zu erinnern und sie auszuteilen. Ein ständig kritisiertes Kind kann genauso viel Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl einbüßen wie eines, das sich daran erinnert, an einem spezifischen, schrecklichen Tag gedemütigt worden zu sein. Ein Kind, dessen Familie wenig Geld hat und täglich an der Nahrung sparen muss, wird mit der Zeit vielleicht unter denselben technischen Problemen leiden wie eines, das ein zufälliges Erlebnis hatte, wo es beinahe verhungerte.
Bald würde ich erkennen müssen, dass die tagtäglichen Schläge negativer Kräfte mit derselben Aufmerksamkeit erkannt und aufgelöst werden müssen, wie sie einzelnen traumatischen Ereignissen eingeräumt wird.”

Diese wiederholten “Mikrotraumata” untergraben bzw. verhindern eine sichere Bindung zwischen Kind und der Bezugsperson und bewirken ein Bindungstrauma.

In der therapeutischen Arbeit mit den inneren Anteilen, die dadurch entstanden sind, spielt die Arbeit mit dem Körper und mit Berührung eine wichtige Rolle.

Mehrgenerationale Traumata

Kinder reaktivieren durch ihr Verhalten oft alte Traumata der Eltern. Die Eltern geraten durch ihre traumatisierten Anteile “außer sich” - hinein in Wut, Scham und Angst und reagieren diese Gefühle an den Kindern ab. So werden die Kinder zu Opfern elterlicher Gewalt, und entwickeln Bindungstraumata. Diese werden, wenn nicht daran gearbeitet wird, wieder an die nächste Generation weiter gegeben. (Brisch / Hellbrügge, 2007, 288f)

https://www.depression-erding.de/2018/11/25/bindungs-traumatisierung-gespraechsabend-mitte-november/

Psychoanalytische Sicht von Dr. Ammon (PDF)