Prozessphilosophie

Mensch und Prozess

“Ein Prozess ist eine fortschreitende Aktion von einer gewissen Dauer, die durch lebendige, organische und spontane Bewegungen gekennzeichnet ist, bogenförmig verläuft, eine Struktur besitzt und sich in ständigem Fluss befindet. Nur wer seinen eigenen Prozess ganz bewusst erlebt, ist wirklich lebendig. … Aus Sicht der Gestaltpsychologie ist der Mensch seinem Wesen nach ein Prozess, … das heißt, der Mensch befindet sich ständig in einem Zustand des Werdens, sein Wesen ist durch Potentialität gekennzeichnet und nicht vorherbestimmt… auch unsere Grenzen verändern sich unentwegt.”

Zinker, Auf der Suche nach gelingender Partnerschaft. Gestalttherapie mit Paaren und Familien, Paderborn 1997, 294 (Hervorhebungen im Original)

Die Prozessphilosophie weitet den Prozessbegriff sogar noch aus. Auch dort spielt die Potentialität eine zentrale Rolle.

Die heraklitische Spirale des Erkenntnisgewinns, des Lernens und Handelns sowie des therapeutischen Prozesses

Die folgenden Elemente beschreiben den Prozess “schöpferischer Metamorphose” (Veränderung). Sie bilden einen Zyklus, d.h. nach 4. kommt wieder 1. auf einer “höheren” Stufe. Daher werden sie “Spirale” genannt. Der therapeutische Prozess im engeren Sinn (Spalte 4) schließt oft Erkenntnisprozesse (Spalte 2) sowie Lernprozesse (Spalte 3) mit ein.

Erkennen

Lernen und Handeln

Therapeutischer Prozess

1. Initialphase

Wahrnehmen

Explorieren

Erinnern

2. Aktionsphase

Erfassen

Agieren

Wiederholen

3. Integrationsphase

Verstehen

Integrieren

Durcharbeiten

4. Neuorientierungsphase

Erklären

Reorientieren

Verändern

aus: Petzold, Hilarion, Integrative Therapie Band 2, Paderborn 1992, 625f

Alfred North Whiteheads Prozessphilosophie und die Gestalttherapie

Die Prozessphilosophie versucht, das Daseiende nicht als “Sein” (das wäre Ontologie) sondern als Prozess zu beschreiben:

Jedes wirkliche Ereignis erweist sich als Prozess: Es ist ein Werdendsein. Indem es sich so enthüllt, stellt es sich als eins in eine Vielheit von anderen Ereignissen, ohne die es nicht es selbst sein könnte.

(Quellennachweise im u.g. Aufsatz)

In paralleler Weise kennt die Gestalttherapie den Kontaktprozess. Der Begriff des “Selbst” ist im Kontaktprozess dynamisch definiert: Das Selbst ist definiert als ‘Funktion der schöpferischen Anpassung’ im Organismus-Umwelt-Feld und gleichbedeutend mit der Erfahrung der Kontaktgrenze.

Der Prozess des Werdens - kurz gesagt - vollzieht sich (nach Whitehead), indem Vergangenes zu etwas Neuem integriert wird. Insofern lässt sich der Kontaktprozess in der Gestalttherapie als ein Spezialfall des Werde-prozesses in der Prozessphilosophie verstehen.

Die Prozessphilosophie als Metatheorie der Wissenschaften vermag bisher weit auseinander klaffende Wissenschaftszweige zu vereinen, insbesondere die Natur- und Geisteswissenschaften.

Link:

Aufsatz von Thomas Frister über “Alfred North Whiteheads Prozessphilosophie und die Gestalttherapie” (581,5 KB)

(PDF-Dokument)